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Lektion 3

Wildtiermanagement

Der Umgang mit Wildtieren ist eine komplexe sozioökonomische Aufgabe. Wildtiermanagement umfasst daher zwei Bereiche:

  • Erhaltung der Tierart
  • Reduzierung der Konflikte

Bei erfolgreichem Artenschutz steigt die Zahl der Individuen. Dies kann wiederum zu gehäuften Begegnungen mit Menschen führen. Auch eine steigende Bevölkerungszahl erhöht das Risiko von Mensch-Tier-Begegnungen.

Beim Wildtiermanagement ist ein Faktor besonders wichtig:
Das Vertrauen in Behörden, Ämter und Ministerien (Jochum 2013, Zajac 2012).

 

Reduzierung von Konflikten bei großen Beutegreifern
Die Maßnahmen zur Reduzierung von Konflikten verteilen sich auf vier Bereiche (in Johansson 2015):

1. BILDUNG
Zwei Maßnahmen wird eine hohe Wirkung bei der Akzeptanz großer Beutegreifer zugesprochen: der Bildung über die Lebensweise und das Verhalten von Wolf, Bär und Luchs sowie einer verringerten Risikoeinschätzung, z. B. durch Verhaltensregeln oder Prävention. Vor allem sollten der ökologische Nutzen und der Gewinn durch Wildtiere etwa für die ländliche Entwicklung betont werden (Bruskotter und Wilson 2013, Slagle et al. 2013). Verbale Information erzielt eine bessere Wirkung als mediale Information. Nach Überzeugungstheorien sollten die Personen, die Informationen weitergeben, glaubwürdig und authentisch sowie überzeugend sein.
Auch Erfahrung spielt bei der Toleranz gegenüber Wildtieren eine große Rolle. Exkursionen in Wildtier-Habitate haben einen positiven Einfluss auf die Akzeptanz. Begegnungen mit Wildtieren hingegen sind leider kaum umzusetzen. Hier können Erlebnisberichte aus anderen Ländern helfen, das Wildtier-Risiko besser einzuschätzen.

2. PARTIZIPATION
Die Einbindung der Bevölkerung und von Interessengruppen erhöht das Vertrauen in Behörden. Man spricht hier vom sogenannten gesellschaftsbasierten Wildtierschutz (community based conservation). Profitiert die Region von den Wildtieren, z. B. durch Fördergelder, Tourismus, Ansehen etc., sollte dies kommuniziert werden. Für viele Länder ist die Anwesenheit von Bären und Wölfen eine Quelle des Nationalstolzes, kultureller Tradition und ein Indikator für gut erhaltene Ökosysteme (Wilson 2016).

3. SUBVENTIONEN / AUSGLEICH
Ausgleichszahlungen nach Übergriffen auf Weidetiere sind sehr teuer und gelten als kurzfristige und regional begrenzte Maßnahmen. Sie sind aber in akuten Fällen besonders wichtig und fördern die Akzeptanz. Als wirksamer wird die Schadensprävention über die Subventionierung etwa von Zäunen oder Herdenschutzhunden gesehen. Diese Maßnahmen tragen maßgebend zur Minderung der Schäden bei und erhöhen dadurch die Toleranz.
Wird der Fokus im Management auf Ausgleichszahlungen gelegt, ist Herdenschutz für Tierhalter*innen weniger dringend und Übergriffe nehmen nicht ab. Es ist jedoch wichtig, dass die Prävention zur sozialen Norm wird, um Konflikte zu entschärfen. Zwischenmenschliche Kommunikation unter ländlichen Bewohner*innen unterstützt dann die Bemühungen von staatlichen Einrichtungen und Bildungskampagnen (Sakuri 2013).

4. REGULIERUNG
Zur Reduzierung von Konflikten kann es eine direkte Maßnahme sein, die Population von Beutegreifern zu regulieren. Die Tötung verhaltensauffälliger Tiere kann die Akzeptanz der Bevölkerung fördern. Kommunikation und Fachwissen spielen hier eine bedeutende Rolle, sodass das Verhalten einzelner auffälliger Tiere nicht auf die gesamte Tierart übertragen wird. Eine exakte Definition von „verhaltensauffällig“ ist wichtig, damit Verständnis in  allen Interessengruppen entsteht. Tierschützer könnten die Maßnahme sonst als ungerechtfertigt sehen und Wildtiergegner sich in ihren Ängsten bestätigt fühlen. Wichtig ist die Betonung, dass es sich um Einzeltiere handelt.
Allgemein hat die Regulierung durch Jagd aber kaum Einfluss auf die Schäden (in Bautista 2017). Es gibt keine schlüssigen Beweise, dass die Regulierung der Beutegreiferpopulationen durch Jagd eine Schadminderung mit sich bringt. Umgekehrt führt eine Erhöhung der Population nicht immer zu einer Verringerung der Viehbestände (Treves, Kapp & MacFarland 2010, Wielgus und Peebles 2014). Da es sich um wandernde Tierarten handelt, ist Herdenschutz unerlässlich. Nichtsdestotrotz geht man oft intuitiv davon aus, dass z. B. die Toleranz von negativ eingestellten Personen durch die Bejagung von Beutegreifern erhöht wird. Allerdings haben Studien gezeigt, dass die Einführung von Abschussquoten des Raubtiers nicht unbedingt die Toleranz der Menschen gegenüber der gejagten Art steigert (Treves, Naughton-Treves und Shelley 2013). Dennoch könnte ein aus Sicht der Betroffenen „übertriebener Schutz" Intoleranz erhöhen und damit illegale Tötung verstärken (Bruskotter und Fulton, in press).

Auch Vergrämung, d. h. die Wiederherstellung der Distanz zum Menschen, und Ablenkfütterungen gehören zu den direkten Management-Maßnahmen. Ähnlich verhält es sich mit der Umsiedlung von Beutegreifern. Der Wunsch nach Umsiedlung einer Tierart zeigt eine „not in my backyard“-Mentalität“ der Bevölkerung (Quinn 2009). Allerdings sind Umsiedlungen sehr teuer und führen nicht unbedingt zu Schadminderung. Jüngere Tiere können das frei gewordene Territorium besetzen und sind meist problematischer als Alttiere (Quinn 2009).

Im Management von großen Beutegreifern sollten Kurz- und Langzeit-Initiativen kombiniert werden, um Toleranz zu erhöhen (Bhatacharjee und Parthasarathy 2014).

Literatur

  • Andersone und Ozolins 2004: Public perception of large carnivores in Latvia. Ursus, 15 (2), 181-187.
  • Bautista 2017: Patterns and correlates of claims for brown bear damage on a continental scale. Journal of Applied Ecology, 54, 282-292.
  • Bhatacharjee und Parthasarathy 2014: Coexisting With Large Carnivores: A Case Study From Western Duars, India. Human Dimensions of Wildlife, 18 (1).
  • Bruskotter und Fulton, in press: Will hunters steward wolves? A Reply to Treves and Martin. Running head: Will hunters’ steward wolves? Accepted in Society & Natural Resources.
  • Bruskotter und Wilson 2013: Determining where the wild things will be: using psychological theory to find tolerance for large carnivores. Conservation Letters, 1-8.
  • Jochum 2013: Integrating complexity in the management of human-wildlife encounters. Global Environmental Change, 26, 73-86.
  • Johansson 2015: An Evaluation of Measures to Reduce Personal Fear of Wolves. Final report, Formas dnr 250-2008-402.
  • Quinn 2009: Coexisting with cougars: public perceptions, attitudes, and awareness of cougars on the urban-rural fringe of Calgary, Alberta, Canada. Human-Wildlife Conflicts, 3 (2), 282, 95.
  • Sakuri 2013: Public perceptions of risk and government performance regarding bear management in Japan. Ursus, 24 (1), 70-82.
  • Slagle et al. 2013: Building Tolerance for Bears: A Communications Experiment. The Journal of Wildlife Management, 77 (4), 863-869.
  • Treves, Kapp und MacFarland 2010: American black bear nuisance complaints and hunter take. Ursus, 21 (1), 30-42.
  • Treves, Naughton-Treves und Shelley 2013: Longitudinal Analysis of Attitudes Toward Wolves. Conservation Biology, 27(2), 315-323.
  • Wielgus und Peebles 2014: Effects of wolf mortality on livestock depredations. PLoS ONE 9: e113505.
  • Wilson 2016: Ein Leitfaden zum Mensch-Raubtier-Konflikt: Strategien und Tipps für effektive Kommunikation und Zusammenarbeit mit Betroffenen. http://dinalpbear.eu/ein-leitfaden-zum-mensch-raubtier-konflikt/
  • Zajac 2012: Learning to Live With Black Bears: A Psychological Model of Acceptance. The Journal of Wildlife Management, DOI: 10.1002.

Buchempfehlungen

  • Manfredo, M. (2008): Who Cares About Wildlife? Social Science Concepts for Exploring Human-Wildlife Relationships and Conservation Issues. Springer Verlag.
  • Jacobson, S.K., McDuff, M.D., Monroe, M.C. (2006): Conservation education and outreach techniques (2. Edition). Oxford.
  • Jacobson, S. K. (ed.) (1995): Conserving Wildlife: International Education and Communication Approaches. Columbia University Press, New York.